<img height="1" width="1" style="display:none" src="https://www.facebook.com/tr?id=1524305407691261&amp;ev=PageView&amp;noscript=1">
Die New-Work-Kolumne von Inga Höltmann

Ich gehe gern auf Messen. Ich mag die geschäftige Atmosphäre dort und den Blick in die Zukunft, den man dort erhaschen kann. Überhaupt ist es wichtig für meine Arbeit, dass ich viel auf Veranstaltungen bin – ich schätze es sehr, in Deutschland unterwegs zu sein, mit Menschen in den Austausch zu kommen, zu lernen und mich auf diese Art fortzubilden und nah an aktuellen Entwicklungen zu sein. Das ist ein wichtiger Baustein meiner Arbeit.

Messen sind in diesem Zusammenhang aber kein einfaches Format. An Messen sehen wir unmittelbar, wie sich unsere Arbeit und unser Wirtschaften verändert: Früher hatte jede Branche ihre Leitmesse, die Pflichttermin im Jahr war. Das war lukrativ für beide Seiten - für die Unternehmen, die dort mit ihren Produkten und Dienstleistungen sichtbar wurden und relevante Aufträge für das kommende Geschäftsjahr akquirierten, genauso wie für die Messebetreiber, die ihr Geld damit verdienten, so unverzichtbar zu sein. Eine kostspielige, aber sinnvolle und gewinnbringende Symbiose.

Doch so dramatisch, wie sich unsere Wirtschaft verändert, so verändern sich auch die Formate, in denen wir handeln und uns austauschen. Ich bin viel auf Messen unterwegs, in denen es um Personal, HR oder Karriere geht. Solche Messen sind ein guter Gradmesser um abzulesen, wo wir stehen. Und mir fällt vor allem auf, wie schwer wir uns noch tun, dem, was da auf uns zukommt, mit geeigneten Produkte und Dienstleistungen zu begegnen. Will sagen: Die relevanten Themen haben die Aussteller auf dem Schirm und sie versuchen sie mit Software oder mithilfe von – mehr oder weniger – kreativen Ideen anzugehen. Was mir aber oft fehlt, sind die wirklich innovativen Ideen. Das liegt vor allem daran, dass wir Digitalisierung oft noch als Technologisierung verstehen – also Prozesse digital darzustellen, anstatt uns radikal von ihnen zu verabschieden.

Um fair zu sein: Ich denke, dass das ein notwendiger Zwischenschritt in unserer arbeitsweltlichen Evolution ist. Kein komplexes Produkt ist je über Nacht entwickelt worden, sondern hat sich in Iterationen entwickelt – und zwar auch schon in einer Zeit, in der wir noch nicht landauf, landab von Iterationen gesprochen haben.  

Deshalb sind Messen wichtige Kommunikationsräume. Und ich bin fest davon überzeugt, dass Messebetreiber das verstehen sollten, um ihre Veranstaltungen auch in Zukunft noch relevant zu halten. Je mehr sie auf Austausch, Vernetzung und miteinander lernen setzen, umso relevanter werden Messen in Zukunft sein. Und deshalb lautet meine These: Der Austausch über bestimmte Produkte und Dienstleistungen auf Messen wird in Zukunft wichtiger sein als der tatsächliche Vertrieb. Denn Produktzyklen werden sich weiter verkürzen, Moden immer schneller kommen und gehen, Anforderungen sich so rasant verändern, dass Produkte in immer kürzeren Abständen in neue Phasen katapultiert werden. Eine Messe ein Jahr lang vorzubereiten und ein fein gedrechseltes Standkonzept zu entwerfen, wird hinfällig sein, weil man auf diese Weise nicht Schritt halten kann mit den Zyklen, denen man sich unterwerfen muss und mit den Bedürfnissen, die Kunden haben. Kundenorientierung wird in Zukunft noch mehr als heute heißen, schnell und agil zu sein und konstant an seinem Produkt zu schrauben.

Und das sehen wir ja auch heute schon: Dass die großen Messen an Bedeutung und Einfluss verlieren, dass andere Veranstaltungsformate – auch kleinere – immer wichtiger werden. Und das wird auch nicht mit einer konsequenten Ausrichtung von Messen als Lernräume vollständig rückgängig zu machen sein, weil sich neues Lernen für Organisationen an verschiedenen Orten vollzieht – im besten Falle jeden Tag, auf großen und kleinen Veranstaltungen, innerhalb und außerhalb der Unternehmen. In der Arbeitswelt der Zukunft wird es nicht mehr die eine große Branchenveranstaltung geben, sondern viele verschiedene Gelegenheiten und Impulse. Messen sind heutzutage ein Ort, an dem dieser Dialog stattfindet – doch sie sind lange nicht mehr der einzige Ort. Auch informelle Lernpfade werden immer weiter an Bedeutung gewinnen.

Die beiden größten Herausforderungen für Messe-Betreiber werden in Zukunft also sein, zum einen ihre Veranstaltungen konsequent als Lern-Räume auszurichten und Dialog-Ermöglicher zu sein. Und das heißt nicht, kein Geld mehr zu verdienen – im Gegenteil: Sie werden sich ein neues, nachhaltiges Geschäftsmodell geben müssen, in dem das traditionelle Messegeschäft nur noch ein Baustein ist. Und so sehen wir auch an Messeformaten, welche Bedeutung Lernen und Lernwilligkeit in der Arbeitswelt der Zukunft haben werden: Sie werden maßgeblich über Erfolg und Misserfolg mitentscheiden.

Die zweite große Herausforderung wird zum anderen sein: Den Dialog über den Messetag hinaus am Laufen zu halten und passende Angebote zu machen, um Teil des kontinuierlichen Lernnetzwerkes zu sein, das unsere Arbeitswelt in Zukunft sein wird. Ich sehe das bereits bei einigen Veranstaltern, dass sie versuchen, auch unterjährig sichtbar zu sein, doch da passiert noch viel zu wenig. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: Ich bin gespannt, wohin sich das entwickeln wird.

Inga Höltmann
Expertin für die Themen Kulturwandel in Unternehmen, New Work und Digital Leadership

Inga Höltmann ist Expertin für die Themen Kulturwandel in Unternehmen, New Work und Digital Leadership. Sie ist Gründerin der Digital-Leadership-Akademie “Accelerate Academy”, einer Plattform für Neues Arbeiten und neues Lernen, und ausgebildete Wirtschaftsjournalistin, zu ihren Auftraggebern gehören der Berliner Tagesspiegel und der Deutschlandfunk Kultur. Bekannt ist sie auch für ihren erfolgreichen Newsletter über Kulturwandel in Unternehmen, neue Arbeit und moderne Führung und ihren beiden Podcasts zur Zukunft der Arbeit. Twitter: @ihoelt
Foto: Axel Kuhlmann