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30-Stunden-Woche Personnel.ly

Die deutsche Wirtschaft boomt, die Arbeitswelt wird digital und der Wunsch nach einer Reduktion der Arbeitszeit steigt. Warum eine 30-Stunden-Woche die Lösung ist und trotzdem erstmal nicht eingeführt wird.

Von Montag bis Freitag erscheint Charly* gegen 10 Uhr bei der Arbeit, vor 19 Uhr verlässt sie nicht das Büro. Vollkommen erschöpft kommt sie abends in ihrer Berliner Wohnung an. Damit sie fit bleibt, quält sich Charly manchmal zum Sport. Doch meistens reicht ihre Energie nur für den Lieferdienst und eine Netflix-Serie, während der sie einschläft. Dann klingelt der Wecker, duschen, anziehen, Coffee to go, U-Bahn, Mails checken und mindestens acht Stunden arbeiten. Wochenende. Sleep. Repeat.

 

So wie Charly geht es den meisten Vollzeitbeschäftigten. Der Arbeitstag beginnt zwischen 8 und 9 Uhr, zu Hause sind die meisten Deutschen erst in der Dunkelheit. Die 40-Stunden-Woche ist immer noch das gängigste Arbeitszeitmodell der deutschen Unternehmen – dazu kommen Überstunden.

Durch Globalisierung und Digitalisierung wird die Arbeit zunehmend flexibler. Eine Bedingung, der sich viele Beschäftigte anpassen, indem sie beispielsweise permanent erreichbar sind. Dafür wollen die Unternehmen mit mehr Flexibilität entgegenkommen. So ist bei knapp 40 Prozent aller Unternehmen die Möglichkeit zum Homeoffice Standard. Egal ob von Tokio, Paris oder Berlin – die Frage, wo Mitarbeitende arbeiten, ist durch die Digitalisierung belangloser geworden. Doch im Gegensatz dazu wird die Frage, wie viel wir arbeiten, immer noch extrem konservativ behandelt. Natürlich erlauben viele Unternehmen den Schritt zu einer halben Stelle, aber das bedeutet auch halbes Einkommen. Eine 30-Stunden-Woche bei gleichem Gehalt ist undenkbar, zwischen Voll- und Teilzeit gibt es maximal die Möglichkeit zur Gleitzeit. Und das, obwohl der Achtstundentag in diesem Jahr schon hundert Jahre alt geworden ist. Ist es nicht Zeit, das starre 40-Stunden-Modell zu überdenken?

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Der Achtstundentag war ein Meilenstein der Arbeiterschaft

Die Diskussion um Kürzungen der Arbeitszeit bei vollem Gehalt gab es bereits vor 100 Jahren. Deutschland hatte den Ersten Weltkrieg verloren und fand sich in Chaos und Trümmern wieder. Arbeiter wurden in ihren Forderungen lauter, wollten keine Monarchie mehr, und so wurde mit der Novemberrevolution 1918 die parlamentarische Republik ausgerufen. Aus Angst vor weiteren Umstürzen der Arbeiterschaft beschloss die deutsche Schwerindustrie mit den Gewerkschaften zu verhandeln. Das wichtigste Ergebnis: Der Achtstundentag bei vollem Lohnausgleich.

Bis 1956 bedeutete dieses Modell allerdings noch eine Sechstagewoche und damit 48 Stunden Arbeit. Erst mit dem Leitspruch „Samstags gehört Vati mir“ gelang es dem deutschen Gewerkschaftsbund, die Fünftagewoche einzuführen.

 

Auch 2019 fordern Mitarbeitende Zugeständnisse der Unternehmen

Heute ist die Situation in Deutschland eine andere. Nie war die Arbeitslosigkeit so gering und hinsichtlich des Bruttoinlandsproduktes ist die Bundesrepublik die größte Volkswirtschaft Europas. Außerdem verändert die Digitalisierung die Arbeitswelt. Unternehmen wünschen von Mitarbeitenden permanente Erreichbarkeit, Motivation und Kreativität. Doch die Fachkräfte sind heiß begehrt und daher in der Position, bessere Arbeitsbedingungen zu fordern. Ohne gelebte Unternehmenskultur und flache Hierarchien bewerben sich viele junge Talente gar nicht erst. Also orientieren sich Unternehmen neu, beziehungsweise nach dem Vorbild von Google, gestalten die Büroräume um, bieten Homeoffice an und stellen den Tischkicker bereit. Doch radikale Veränderungen der Strukturen bleiben zumeist aus und so gilt immer noch die Regel: Je länger Mitarbeitende arbeiten, desto besser scheinen sie zu sein und desto besser werden sie entlohnt. Für das gleiche Geld weniger zu arbeiten bleibt für viele Mitarbeitende ein gewagter Traum. 30stunden3

Viel arbeiten hilft viel, oder nicht?

Die Annahme „viel arbeiten, hilft viel“ gerät jedoch immer mehr in Kritik. Nicht zuletzt, weil sowohl Beispiele aus der Praxis als auch viele Forschungsergebnisse das altbewährte 40-Stunden-Modell in Frage stellen. So zeigt beispielsweise eine Studie der Universität Melbourne, dass bereits ab einer Arbeitszeit von 25 Stunden pro Woche die kognitiven Fähigkeiten nachlassen. Wer also lange arbeitet, kann sich gar nicht die ganze Zeit konzentrieren. Und auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) warnt vor gesundheitlichen Gefährdungen durch zu lange Arbeitszeiten: „So nehmen z. B. Effizienz und Sicherheit nach der siebten oder achten Arbeitsstunde deutlich ab.”

Außerdem hat eine verkürzte Arbeitszeit auch gesundheitliche Vorteile, denn die Mitarbeitenden sind seltener krank. Das zeigt zumindest das Beispiel einer Toyota-Werkstatt in Göteburg, die seit der Einführung der verkürzten Arbeitszeit weniger Krankschreibungen verzeichnet. Dem stimmen auch die Wissenschaftler Flecker und Altreiter zu, die eine Erhöhung der Unfallrisiken und körperliche Beschwerden ab der siebten Arbeitszeitstunde feststellen. Weiter schreiben sie, dass Arbeitnehmende die Belastungen in ihrem Arbeitsleben mit mehr Freizeit besser ausgleichen können – zumindest wenn sie dann nicht höherem Druck ausgesetzt sind.

Langfristig gesehen können Unternehmen so von der längeren Arbeitsfähigkeit der Beschäftigten profitieren – gerade in Zeiten einer alternden Gesellschaft und des Fachkräftemangels ist dies ein wichtiger Vorteil. Vor allem ist eine 30-Stunden-Woche aber auch ein Aushängeschild für eine moderne Unternehmenskultur. Das fördert die Mitarbeiterbindung und -motivation.

Auch eine Steigerung der Flexibilität spricht für eine kürzere Arbeitszeit. Denn Mitarbeitende könnten selbstbestimmt und je nach Lebenslage ihre Arbeitszeit bestimmen. So könnten die 30 Stunden auf vier oder auf fünf Tage mit jeweils nur sechs Stunden Arbeitszeit verteilt werden. Jeder Mensch hat individuelle Bedürfnisse und Wünsche, warum diese nicht ernst nehmen? Ob Familienplanung, Freizeit oder Weiterbildung, „Beschäftigte, die ihre Arbeitszeiten mitgestalten können, sind mit ihrer Work-Life-Balance zufriedener, arbeiten motivierter, sind nachweislich produktiver, bleiben länger gesund sowie leistungs- und beschäftigungsfähig, veröffentlicht die BAuA.

Dass weniger Arbeitszeit die Innovation des Unternehmens fördern könnte, dachten sich auch die Gründer der Agentur Intraprenör. So führte das Unternehmen die Viertagewoche ein. Ein Schritt, von dem Intraprenör bis heute profitiert, vor allem dann, wenn es darum geht, qualifizierte Mitarbeitende zu finden.

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Fehlt Unternehmen der Mut zur Lücke?

Die Mitarbeitenden arbeiten also motivierter, sind nachweislich produktiver, bleiben länger gesund sowie leistungs- und beschäftigungsfähig. Trotzdem: Unternehmen wie Intraprenör, die den Schritt zur Reduktion einfach wagen, gibt es zwar immer öfter, aber dennoch selten. Der Grund dafür ist erstmal ganz offensichtlich: Die Reduktion der Arbeitszeit kostet. In manchen Bereichen – wie beispielsweise der Pflege – ist permanente Betreuung gefragt und die Reduktion müsste durch mehr Personal ausgeglichen werden. Und auch Unternehmen, die nicht ständig ausgelastet sein müssen, scheuen sich vor verkürzter Arbeitszeit bei gleichem Gehalt. Vielleicht liegt das Beharren auf der 40-Stunden-Woche auch an den Negativbeispielen. So wurde, angelehnt an das Toyota-Werk, der Sechsstundentag in einem Altersheim ausprobiert. Auch hier verbesserten sich Arbeitsverhältnisse und Krankenstand deutlich, doch mussten 14 neue Fachkräfte eingestellt werden. Für die Kommune waren das letztendlich zu hohe Personalkosten.

 

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Allerdings sollten sich Unternehmen ernsthaft überlegen, ob sie dieses Experiment nicht trotz der hohen Kosten ausprobieren. Denn inzwischen befinden wir uns auf einem Arbeitnehmermarkt. Unternehmen – und zwar nicht nur im Bereich der Pflege – müssen sich sehr um gut qualifizierte Mitarbeitende bemühen und sich von anderen Arbeitgebern absetzen. Ein gutes Employer Branding und hübsche Büroräume scheinen gerade in Großstädten wie Berlin bereits Standard zu sein.

Gleichzeitig müssen sich Führungskräfte überlegen, welches Arbeitszeitmodell für sie am besten in Frage kommt. So ist nicht für jedes Unternehmen die Viertagewoche geeignet, nicht für jeden Mitarbeitenden der Sechsstundentag die beste Lösung. Eine flexible Einigung ist gefragt. Denn wer New Work leben will, wer in Zeiten des Fachkräftemangels überleben will, der sollte bereit sein, auszuprobieren. Und vor allem sollten wir uns selbst hinterfragen: Ist der Grundsatz „Je länger Mitarbeitende auf der Arbeit sind, desto mehr scheinen sie zu arbeiten“ wirklich wahr, oder sollten wir nicht lieber anfangen, uns umzustrukturieren und effizienter und innovativer werden?

 

 

*Name geändert 

Annika Keilen
Editor; Interessen: Kultur & Diversität in Organisationen

Aus einer wirtschaftlichen Perspektive ist es leicht, die Welt in Zahlen zu betrachten. Doch wo bleibt in dieser Welt der Mensch? Für Annika bilden die Mitarbeitenden das Herzstück eines Unternehmens. Bei Babbel sieht sie ihre Vorstellung umgesetzt, sodass sie von dieser Unternehmenskultur aus dem Büro hinaus berichtet.