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Kolumne Inga-2
Foto: Axel Kuhlmann

Wer heute den Begriff „New Work“ bei Google eingibt, bekommt unglaubliche 26 Millionen Treffer. „New Work“ oder „Neues Arbeiten“ ist in den vergangenen Jahren zu einem echten Trendkonzept geworden – so sehr, dass manche schon die Augen verdrehen, wenn sie davon hören. So nachvollziehbar das sein mag, es wird ihm nicht gerecht: Das Anliegen, das wir mit New Work beschreiben, ist echt und wichtig und wir sind auch – wenn wir mal ehrlich sind – aller Millionen Googletreffer zum Trotz in unserer alltäglichen Arbeitswelt noch weit von einem neuen oder einem anderen Arbeiten entfernt.  

Der Begriff Neue Arbeit geht auf den österreichisch-amerikanischen Soziologen Frithjof Bergmann zurück, der bereits in den 70er-Jahren über anderes Arbeiten nachdachte. Er war weitgereist und hatte sich sowohl den Kapitalismus, als auch den Kommunismus angeschaut und festgestellt, dass die Menschen hüben wie drüben zu wenig frei arbeiteten. Ihre Arbeit war stark fremdbestimmt, Gestaltungsspielräume nur in engen Grenzen vorhanden. Sie konnten weder im Kleinen, an ihrem Arbeitsplatz, wirklich Einfluss nehmen, noch das große Ganze – den Markt oder die Marktwirtschaft – wirklich beeinflussen.

"vielleicht haben die Mitarbeiter auch die Wahl, ob sie dieses oder jenes Telefon oder diesen oder jenen Computer nutzen wollen." 

Mit dem, was er dann New Work nannte, ersann Bergmann eine ganz andere Wirtschaftsform, eine, bei der die Produktion von Gütern von der industriellen hin zu einer gemeinschaftlichen verwandelt werden sollte. Auf dieser Grundlage sollte dann ein ganz neues Wirtschaftssystem entstehen können, bei der die klassische Lohnarbeit reduziert werden würde und Freiräume entstehen sollten für lokale Community-Produktion abseits anonymer Fabriken, neben Freiräumen für Arbeit, die man wirklich tun will – Arbeit, die Spaß macht, herausfordert, die sinnvoll ist.

 

Denn für Bergmann ist der Kern neuer Arbeit nicht nur Wahlfreiheit zwischen Alternativen, sondern echte Handlungsfreiheit. Wenn man sich anschaut, was in vielen Unternehmen heute unter der Flagge „New Work“ segelt, so kann man feststellen, dass wir noch in einem Stadium sind, wo es vor allem um die Wahl verschiedener Parameter für die Arbeitenden geht: Arbeitsort – daheim, im Büro oder, ganz fortschrittlich, im Coworking Space; Arbeitszeit – Vollzeit oder Teilzeit; oder vielleicht haben die Mitarbeiter auch die Wahl, ob sie dieses oder jenes Telefon oder diesen oder jenen Computer nutzen wollen.  

 

Frithjof Bergmann war seiner Zeit voraus, ohne Frage, doch das seine Ideen ausgerechnet heute ein Comeback erleben, ist ganz sicher kein Zufall. Die Technologisierung macht vieles von dem endlich möglich, was er sich damals vorstellte. Die Digitalisierung ist ein starker Treiber in der Verwandlung der Arbeitswelt – gepaart mit der Erkenntnis, dass es so einfach nicht weitergehen kann, wie wir bisher arbeiteten.

 "Das Bedürfnis nach Nachhaltigkeit sollte uns heute noch viel stärker als bei Bergmann ein Anliegen sein – nicht nur in Bezug auf ökologische Ressourcen, sondern auch in Bezug auf den Menschen und sein Kraft- und Zeitbudget."

 Auch wenn wir heute immer noch ein gutes Stück von Bergmanns Vision entfernt sind, so sind uns doch bereits ganz beeindruckende Fortschritte gelungen. Dass wir den Mitarbeitern wieder zuhören und ihnen gewisse Gestaltungsspielräume zugestehen, ist sehr wertvoll. Denn sowohl Arbeitgeber, als auch Arbeitnehmer müssen sich ja an eine gewisse Freiheit gewöhnen – wenn man sich die Entwicklung der Arbeitswelt der letzten einhundert Jahre anschaut, wird deutlich, wie sehr wir uns abgewöhnt haben, uns von Prozessen zu verabschieden, Verantwortung zu übernehmen oder nachhaltig zu wirtschaften. Deshalb ist Neue Arbeit für mich nicht nur ganz eng mit dem Menschen verknüpft, sondern sollte eingebettet in eine ganz neue Vorstellung von Wirtschaft und Gesellschaft. Das Bedürfnis nach Nachhaltigkeit sollte uns heute noch viel stärker als bei Bergmann ein Anliegen sein – nicht nur in Bezug auf ökologische Ressourcen, sondern auch in Bezug auf den Menschen und sein Kraft- und Zeitbudget. Und damit wird klar, welche Bedeutung Digitalisierung und Neue Arbeit für uns haben: Sie ermöglichen es uns, zum Kern zurückzukehren, zum Menschen und damit zu uns.

 

"Wenn eine Organisation ihre Gehaltsstrukturen offenlegt, so ist auch das schon ein Stückchen New Work – kommen wir doch aus einer Arbeitswelt, in der wir in die Arbeitsverträge geschrieben haben, dass man nicht über Geld reden darf." 

Was wir heute schon sehen können, sind ganz beeindruckende Experimente und Initiativen in den Unternehmen. Neue Arbeit sind Strukturen, die geschaffen werden, wie ganz neue Organisationsformen, individuelle Arbeitsplatzgestaltung – angefangen vom Arbeitsplatz an sich bis hin zu Teilzeitvereinbarungen oder Angeboten zu flexibler Arbeit – aber auch Angebote für größtmögliche Transparenz. Wenn eine Organisation ihre Gehaltsstrukturen offenlegt, so ist auch das schon ein Stückchen New Work – kommen wir doch aus einer Arbeitswelt, in der wir in die Arbeitsverträge geschrieben haben, dass man nicht über Geld reden darf. Neue Arbeit ist aber auch, Menschen mit Kompetenzen auszustatten: Ihnen Freiräume zu geben, sie zu Selbstführung anzuleiten, im Team über Führung nachzudenken oder sich Prozesse auszudenken, wie sie sich gegenseitig Feedback geben können. Neue Arbeit ist auch, Methoden auszuprobieren, sich gegenseitig zu Mentoren oder zu Coachen, Innovationsworkshops zu machen oder interne BarCamps zu veranstalten.

 

Daraus wird deutlich, dass Neue Arbeit so viel mehr ist, als das, was wir sehen und anfassen können – Neue Arbeit ist eine Haltung, ein Mindset. Der Wille herumzuexperimentieren, Sachen auszuprobieren, sie vielleicht zu verwerfen, wenn sie nicht das gewünschte Ergebnis bringen, die Hinwendung zum Menschen und zu seinen Bedürfnissen. Wie sehr Neue Arbeit eine Haltung ist, kann man sehen, wenn man in die Unternehmen hineinschaut: Man kann ganz sicher versuchen, die Kommunikation im Haus durch ein neues Tool zu vereinfachen, doch wenn die Menschen nicht bereit dafür sind, werden sie es einfach nicht nutzen.

 

Man muss das nicht alles auf einmal tun. Neue Arbeit ist etwas, das in einer Zelle im Unternehmen entstehen kann und sich dann in andere Bereiche ausbreitet – weil Bedürfnisse entstehen, Wünsche artikuliert werden, die Menschen ermutigt werden. Schritt für Schritt, in der Geschwindigkeit, die in das Unternehmen passt. Das ist in Ordnung. Denn die Grundvoraussetzung für Neue Arbeit ist Lust am Gestalten und Lust etwas Neues auszuprobieren - und sich nicht von Angst leiten zu lassen.

Inga Höltmann
Expertin für die Themen Kulturwandel in Unternehmen, New Work und Digital Leadership
Inga Höltmann ist Expertin für die Themen Kulturwandel in Unternehmen, New Work und Digital Leadership. Sie ist Gründerin der Digital-Leadership-Akademie “Accelerate Academy”, einer Plattform für Neues Arbeiten und neues Lernen, und ausgebildete Wirtschaftsjournalistin, zu ihren Auftraggebern gehören der Berliner Tagesspiegel und der Deutschlandfunk Kultur. Bekannt ist sie auch für ihren erfolgreichen Newsletter über Kulturwandel in Unternehmen, neue Arbeit und moderne Führung und ihren beiden Podcasts zur Zukunft der Arbeit. Twitter: @ihoelt
Foto: Axel Kuhlmann